«Is my B1 your B1?» oder inwieweit sind Sprachzertifikate vergleichbar
Die mittlerweile zum geflügelten Wort gewordene Frage «Is my B1 your B1?» stammt ursprünglich von Charles Alderson, Professor für Anglistik an der Lancaster University und ausgewiesenem Experten im Bereich «Sprachtesten». Mit dieser teils rhetorisch gemeinten Frage wollte er unter anderem darauf hinweisen, dass nicht nur die verschiedenen Versionen eines bestimmten Tests, sondern auch die unterschiedlichen Tests, die zum Überprüfen von Sprachkompetenzen auf demselben Niveau bestimmt sind, miteinander vergleichbar sein müssen.
Im europäischen Kontext wird die Vergleichbarkeit oder Gleichwertigkeit von standardisierten Sprachtests in der Regel durch ihre Anbindung an den Gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen (GeR) bzw. durch ihre Zuordnung zu den sechs GeR-Kompetenzniveaus (A1, A2, B1, B2, C1 und C2) gewährleistet. Die Beispieldeskriptoren des GeR beschreiben, welche sprachlich-kommunikativen Aufgaben Sprachnutzende erfolgreich ausführen können müssen und durch welche qualitativen Merkmale sich ihr sprachliches Spektrum auszeichnen muss, damit die Kriterien für ein Kompetenzniveau erfüllt sind.
Die Deskriptoren fokussieren zwar auf mehrere zentrale Aspekte des jeweiligen GeR-Niveaus, erheben aber nicht den Anspruch, alles Relevante umfassend zu beschreiben (vgl. GeR-Begleitband 2020: 50-51). Daher wird Sprachtestanbietern geraten, dass sie beim Erarbeiten ihrer Testspezifikationen und Bewertungskriterien die jeweiligen GeR-Niveaus heranziehen und eingehend analysieren, welche Deskriptoren für ihren spezifischen Kontext relevant sind (s. GeR-Begleitband 2020: 52). In diesem Prozess sollen sie folgende Aspekte berücksichtigen:
- Wer soll mithilfe des Tests seine/ihre Sprachkompetenzen nachweisen? Welches sind die wichtigsten Charakteristiken der anvisierten Testteilnehmenden?
- In welchen sprachlich-kommunikativen Bereichen und Situationen müssen die Testteilnehmenden erfolgreich handeln können?
- Über welche konkreten Kompetenzen müssen die Testteilnehmenden verfügen, damit sie die für den spezifischen Kontext charakteristischen sprachlich-kommunikativen Aufgaben erfolgreich ausführen können?
Je nachdem, wie die Antwort auf diese Fragen lautet, wählen Testanbieter die für sie relevanten GeR-Deskriptoren aus und passen sie ihrem Kontext an. Demzufolge wird im Rahmen eines jeden Tests immer nur ein Ausschnitt der möglichen Bandbreite kommunikativer Kompetenzen überprüft. Mit anderen Worten messen alle Tests auf einem bestimmten GeR-Niveau Kompetenzen, die zwar das besagte Niveau widerspiegeln, die aber je nach Kontext mehr oder weniger variieren. Dementsprechend muss bei der Interpretation und Verwendung der Testergebnisse immer folgende Frage im Mittelpunkt stehen: Wer wird wann, mit wem und zu welchem Zweck die getestete Sprache nutzen? So zum Beispiel haben standardisierte Prüfungen, die die allgemeine Sprachkompetenz erfassen, eine generelle Aussagekraft für recht viele Alltagskontexte, eignen sich jedoch nicht unbedingt als Nachweis über Kenntnisse einer spezifischen Fachsprache. Wiederum können aufgrund des Ergebnisses eines Tests der Wirtschaftssprache nicht automatisch Schlussfolgerungen über den Grad der sprachlichen Integration der Testteilnehmenden in jedem einzelnen Land gezogen werden, in dem die getestete Sprache als Amts- und/oder Kommunikationssprache fungiert.
Das Gesagte kann an folgendem konkreten Beispiel erläutert werden: Der fide-Test, der ebenfalls an den GeR angebunden wurde, misst das Niveau der sprachlichen Integration von erwachsenen Migrantinnen und Migranten in der Schweiz, d.h. ihre Fähigkeit, typische Handlungssituationen aus dem Alltag in der Schweiz sprachlich und kommunikativ zu meistern. Demgemäss zeigt das Ergebnis eines fide-Tests, wie gut die Testteilnehmenden auf die sprachlich-kommunikativen Herausforderungen des Schweizer Alltags vorbereitet sind. Ähnlich wie bei zahlreichen anderen standardisierten Tests wird das Ergebnis auf dem sog. «Sprachenpass» in GeR-Niveaus ausgedrückt und ist somit aus der Perspektive des GeR mit den Ergebnissen dieser Tests vergleichbar. Die grösste Aussagekraft hat der «Sprachenpass» jedoch nach wie vor für jene Stakeholder, die im Schweizer Migrations- und Integrationskontext aufeinander treffen und miteinander kommunizieren.
In diesem Sinne kann die Frage im Titel des Beitrags wie folgt beantwortet werden: Durch die Anbindung an den GeR sind standardisierte Tests auf demselben Niveau grundsätzlich vergleichbar. Entscheidend sind jedoch ihr Zweck und die beabsichtigte Verwendung der Testergebnisse: Je nach Kontext kann und darf «my B1» im Vergleich zu «your B1» etwas andere Schwerpunkte setzen und somit etwas andere Kompetenzen überprüfen und attestieren.
Literatur Council of Europe. 2020. Gemeinsamer europäischer Referenzrahmen für Sprachen: lehren, lernen, beurteilen (GeR). Begleitband. Stuttgart: Ernst Klett Sprachen. |