Interview mit Katja Felder, DaZ-Kursleiterin und Absolventin Bachelor Sprachliche Integration
Am 1. Oktober 2025 feierten 42 Absolvent:innen des Bachelorstudiengangs Sprachliche Integration der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) ihren erfolgreichen Abschluss. Gemeinsam mit dem Staatssekretariat für Migration (SEM) verlieh die Geschäftsstelle fide den Preis für die beste Bachelorarbeit. Prämiert wurde die Abschlussarbeit von Katja Felder mit dem Titel «Ermittlung individueller Sprachbedürfnisse auf A1-Niveau: Ein Konzept für den DaZ-Unterricht». Die Arbeit überzeugte mit viel Innovationskraft, Praxisnähe und gesellschaftlicher Relevanz.
Im Interview gibt uns Katja Felder Einblicke in ihren Werdegang, den Entstehungsprozess ihrer Abschlussarbeit, und liefert Tipps, wie arbeitsbezogene Sprachförderung in den Unterricht integriert werden kann.
Die Diplomfeier des Bachelors Sprachliche Integration ist nun einige Zeit her. Wie war dieser Abend für dich?
Es war für mich ein ganz schöner Abend. Es ist schon aussergewöhnlich, wenn man prämiert wird und hört, wie jemand anders die eigene Arbeit beschreibt. Ich habe den Moment sehr genossen.
Dein beruflicher und akademischer Werdegang startete in der Naturwissenschaft. Wie kam es zu deinem Wechsel in die Sprachwissenschaft?
Ich habe viele Interessen und tat mich deshalb schwer mit der Studienwahl. Nach einem naturwissenschaftlichen Weg und drei Jahren Arbeit im Labor merkte ich, dass mir im Beruf der Kontakt zu Menschen fehlt. Als ich den Studiengang Sprachliche Integration entdeckte, war ich sofort begeistert. Dank Teilzeitmodus konnte ich weiterhin bei der Lonza in Visp tätig sein. Diesen Sommer bin ich zurück in meine Heimat Zug gezogen und unterrichte nun ausschliesslich Deutsch als Zweitsprache. Ich weiss auch noch nicht genau, wo mich meine Zukunft hinbringt und ob die Naturwissenschaft irgendwann wieder eine Rolle darin spielt. Im Moment gefällt mir die Tätigkeit im sprachlichen Bereich sehr.
Der Titel deiner Bachelorarbeit lautet «Ermittlung individueller Sprachbedürfnisse auf A1-Niveau – ein Konzept für den DaZ-Unterricht». Wie bist du auf dieses Thema gekommen?
Ich gab einen allgemeinsprachlichen Deutschkurs in Saas-Fee. Bald nach Kursstart wurde klar, dass alle sieben Teilnehmenden für den Beruf Deutsch lernen wollten. Nur zwei von sieben wollten auch für den Alltag Deutsch lernen. Auf dieses Bedürfnis wollte ich unbedingt in jenem Kurs eingehen, denn zurzeit gibt es keine weiteren Kursangebote im Saastal und Visp liegt für die Leute zu weit weg. Auch ist es nur selten möglich, Aufbaukurse anzubieten. Um die sprachlichen Bedürfnisse im Unterricht adressieren zu können, waren jedoch zusätzliche Informationen der Teilnehmenden nötig. Es stellte sich mir die Frage, wie ich zu diesen Informationen komme, wenn es an einer gemeinsamen Sprache fehlt. Da ich keine geeignete Methode für eine Bedürfnisanalyse auf Anfänger-Sprachniveau finden konnte, kristallisierte sich die Idee für eine Methoden- und Konzeptentwicklung als Bachelorarbeit heraus. Es war für mich eine wahnsinnig spannende und wertvolle Erfahrung.
Was hast du mit deiner Arbeit genau untersucht?
Ich habe meine Teilnehmenden gebeten, Fotos von beruflichen Situationen zu machen, in denen sie sprachliche Unterstützung brauchen – oder, wenn das Fotografieren im Arbeitsalltag nicht möglich war, passende Bilder aus dem Internet zu suchen. Mit diesen Bildern habe ich individuelle «Fotointerviews» geführt, in denen die Lernenden ihre Bedürfnisse schildern konnten, auch wenn die sprachliche Ausdrucksfähigkeit begrenzt war. Um die Verständigung zu erleichtern, habe ich teilweise für mich Wörter in ihrer Muttersprache notiert. Anschliessend habe ich analysiert, wie sich diese Bedürfnisse sinnvoll in den bestehenden Unterricht und die Strukturen des Lehrwerks integrieren lassen, um beruflich relevante Inhalte gezielt einzubauen.
Gab es etwas, was dich im Prozess überrascht hat?
Ich war positiv überrascht, wie gut sich die ermittelten Bedürfnisse in die bestehenden Lehrbuchkapitel integrieren liessen – viele nützliche sprachliche Strukturen waren bereits vorhanden.
Wird dein Konzept bereits angewendet?
Die Veröffentlichung ist ganz frisch, deshalb habe ich erst wenige Rückmeldungen. In Saas-Fee gibt es zurzeit keine Kurse, da ich umgezogen bin und noch keine Nachfolgerin oder kein Nachfolger gefunden werden konnte. Gerade in Tourismusregionen und abgelegenen Gebieten mit begrenztem Kursangebot hat das Konzept meiner Meinung nach besonderes Potenzial. Ich bin gespannt, ob Schulen Elemente daraus übernehmen.
Was empfiehlst du Lehrpersonen, die arbeitsbezogene Sprachförderung integrieren möchten, aber wenig Vorbereitungszeit haben?
Ich würde empfehlen, Bedürfnisanalysen direkt im Unterricht einzubauen – etwa indem man während Arbeitsphasen einzelne Lernende befragt. Eine gelungene Integration der ermittelten Bedürfnisse in den Unterricht erfordert jedoch immer zusätzliche Vorbereitungszeit und hängt stark vom Setting ab: Arbeitet man mit Lehrbuch oder frei? Welche Materialien stehen bereits zur Verfügung? Auch institutionelle Vorgaben spielen eine Rolle. Bedürfnisorientierung sinnvoll umzusetzen ist anspruchsvoll, gerade da Bedürfnisse auch individuell und somit unterschiedlich sind. Eine durchdachte Einbettung in den Unterricht ist wichtig, auch um die Kursteilnehmenden nicht zu überfordern. Den eigenen Aufwand kann man zum Beispiel reduzieren, indem man die Teilnehmenden ihren eigenen Wortschatz in den Unterricht mitbringen lässt. Das stärkt auch die Autonomie. Ideen dazu finden sich in meiner Arbeit.
Wie geht es für dich nach dem Abschluss weiter?
Ich lasse mich, was das angeht, von meinem Bauchgefühl leiten. Ich weiss, dass sich meine Interessen in den nächsten Jahren verändern können, deshalb halte ich mir bewusst verschiedene Möglichkeiten offen. Ich fände es sehr spannend, weiter praxisorientiert zu forschen, weiss aber nicht, ob sich dafür wieder eine Möglichkeit ergibt. Praxisforschung durch Lehrpersonen halte ich für besonders wertvoll, weil sie direkt zeigt, wie theoretische Ansätze wirklich im Unterricht umgesetzt werden können.
Möchtest du der Leserschaft noch etwas mitgeben?
Für mich ist der Austausch unter Lehrpersonen zentral. Wir können so viel voneinander lernen und Erfahrungen austauschen. So entwickeln wir uns gemeinsam weiter.
An der gesamtschweizerischen Tagung für Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer 2026 (GCHT) an der Universität Fribourg wird Katja Felder den Workshop «Ermittlung individueller Sprachbedürfnisse auf A1 Niveau – ein Konzept für den DaZ-Unterricht» leiten. |