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An der diesjährigen ICC-Konferenz in Zürich hast du einen Vortrag zum Thema «Sprachtests für Integration und Einbürgerung zugänglich gestalten: Das Beispiel des Schweizer fide-Tests» (Making Language Tests for Integration and Naturalization Accessible: The Case of the Swiss fide test) gehalten. Wie entstand dein Interesse für das Thema Accessibility bzw. Zugänglichkeit im Kontext von Sprachtests?
Zugänglichkeit ist eines der Hauptqualitätsmerkmale von Sprachtests. Es geht darum, zwischen den Kompetenzen und Fähigkeiten zu unterscheiden, die der jeweilige Test messen soll, und denjenigen, die nicht im Rahmen des Tests gemessen werden, die aber notwendig sind, um die Testaufgaben zu bewältigen. Bei einem Leseverstehenstest soll beispielsweise die Fähigkeit gemessen werden, einen Text zu verstehen und relevante Informationen daraus zu entnehmen. Um die Aufgaben zu bearbeiten, müssen die Testteilnehmenden jedoch auch in der Lage sein, den Text und die dazugehörigen Fragen gut zu sehen sowie ihre Antworten handschriftlich oder digital festzuhalten. Einschränkungen des Sehvermögens oder dauerhafte bzw. temporäre motorische Beeinträchtigungen dürfen sie nicht daran hindern, ihre tatsächlichen Lesekompetenzen zu zeigen.
Sprachtests sollten deshalb so gestaltet sein, dass auch Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen ihre Sprachkompetenzen unter fairen Bedingungen nachweisen können. Dies ist besonders wichtig bei Tests für Integrations- und Einbürgerungszwecke, da deren Ergebnisse oft weitreichende Konsequenzen für die private, berufliche oder schulische Zukunft der Teilnehmenden haben. Als Verantwortliche für die Entwicklung und Qualitätssicherung des fide-Tests muss ich diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit schenken.
Welche Hürden erleben Prüfungsteilnehmende bei Sprachtests für die Integration in der Praxis am häufigsten? Wie können Sprachtests für alle Teilnehmenden zugänglicher gestaltet werden, worauf muss geachtet werden?
Aus der Sicht der Zugänglichkeit gibt es mehrere Aspekte, die bei der Konzeption und Durchführung von High-Stakes-Sprachtests für Integrationszwecke berücksichtigt werden müssen, damit potenzielle Testteilnehmende nicht daran gehindert werden, ihre sprachlichen Kompetenzen vollumfänglich zu demonstrieren. Dazu gehören unter anderem:
- Finanzielle Zugänglichkeit: Die Testgebühr muss für die grosse Mehrheit der potenziellen Testteilnehmenden erschwinglich sein.
- Geografische Zugänglichkeit: Testzentren müssen so verteilt sein, dass Testteilnehmende keine zu weiten Strecken zurücklegen müssen, um ihren Test abzulegen.
- Zeitliche Zugänglichkeit: Das Angebot an Testterminen muss es den Testteilnehmenden ermöglichen, den Test möglichst zeitnah abzulegen, insbesondere wenn sie Fristen in laufenden ausländer- oder bürgerrechtlichen Verfahren einhalten müssen.
- Zugang zum Testformat: Die Testteilnehmenden müssen wissen, welche Themenbereiche im Test behandelt werden und wie die Struktur des Tests, die Aufgabentypen und die Rahmenbedingungen aussehen. Deshalb sollten Testanbieter einen Modelltest veröffentlichen, damit sich Interessierte ein Bild davon machen können, was sie beim Test erwartet.
- Zugang für Testteilnehmende mit spezifischem Bedarf: Personen mit Legasthenie, Lernschwierigkeiten sowie psychischen oder physischen Behinderungen müssen ebenfalls die Möglichkeit erhalten, ihre Sprachkompetenzen vollumfänglich zu zeigen. In solchen Fällen können Testanbieter Anpassungen im Layout oder in den Durchführungsbedingungen vornehmen, um zusätzliche Hürden zu beseitigen. Zu diesem Zweck gibt es standardisierte Massnahmen, die auf Empfehlungen von Fachexpertinnen und -experten basieren und einen angemessenen Nachteilsausgleich gewährleisten, ohne die Qualität der Tests oder die Aussagekraft der Testergebnisse zu beeinträchtigen.
Können die Lehrpersonen etwas dazu beitragen, die Zugänglichkeit eines Sprachtests für ihre Kursteilnehmenden zu erhöhen oder sie gezielt darauf vorzubereiten, und wenn ja, wie?
Sprachkursleitende können ihre Kursteilnehmenden unterstützen, indem sie ihnen helfen, jene sprachlichen und kommunikativen Kompetenzen auszubauen, die im Rahmen des Tests geprüft werden. Im Fall des fide-Tests können beispielsweise verschiedene kommunikative Situationen geübt werden, mit denen man im Schweizer Alltag häufig konfrontiert ist, etwa ein Telefonat mit der Hausverwaltung oder das Verstehen der wesentlichen Informationen in einem behördlichen Schreiben. Dies hat einen doppelten Nutzen: Zum einen bereitet man sich auf den fide-Test vor, zum anderen entwickelt man Kompetenzen, die dabei helfen, sich im Alltag erfolgreich zurechtzufinden.
Darüber hinaus können Lehrpersonen und Kursleitende ihre Kursteilnehmenden auf den Modelltest aufmerksam machen sowie auf die Möglichkeit hinweisen, im Fall einer Behinderung einen entsprechenden Nachteilsausgleich zu beantragen.
Wie zugänglich ist der fide-Test?
Bei der inhaltlichen Konzeption des Tests sowie bei der Festlegung der Durchführungsbedingungen und -richtlinien wurde allen Aspekten der Zugänglichkeit, die ich bereits erwähnt habe, Rechnung getragen. Dabei war man bemüht, die entsprechenden Expertenempfehlungen konsequent in die Praxis umzusetzen. Ich würde sagen, dass dies gut gelungen ist.
Da beim fide-Test von Anfang an auch die Anforderung bestand, den Test für nicht alphabetisierte, gering alphabetisierte bzw. schulungewohnte Teilnehmende so zugänglich wie möglich zu gestalten, wurden zusätzliche Schritte in Richtung Accessibility unternommen. An dieser Stelle möchte ich nur einen davon nennen: Die Aufgaben im mündlichen Testteil («Sprechen» und «Verstehen») sind nicht schriftbasiert. Zu ihrer Bewältigung sind keine Lese- und Schreibkompetenzen erforderlich. Dadurch kann dieser Teil auch von nicht alphabetisierten Teilnehmenden absolviert werden.
Welche Entwicklungen erwartest du in den nächsten Jahren im Bereich Zugänglichkeit im Kontext von Sprachtests?
Vieles in diesem Bereich ist bereits standardisiert und in Form unverbindlicher Empfehlungen verfügbar. Gleichzeitig ist Accessibility ein Thema, das laufend weiterentwickelt wird. Expertinnen und Experten auf dem Gebiet des Sprachtestens stehen in einem kontinuierlichen fachlichen Austausch, unter anderem im Rahmen von Fachtagungen wie denen von ALTE (Association of Language Testers in Europe) und EALTA (European Association for Language Testing and Assessment). Dabei entstehen regelmässig neue Erkenntnisse und Empfehlungen, die wir anschliessend – angepasst an unseren jeweiligen Kontext – in die Praxis umzusetzen versuchen. Ich gehe deshalb davon aus, dass die Zugänglichkeit von Sprachtests auch in Zukunft Schritt für Schritt weiter verbessert und verfeinert werden wird.
In vielen Lebenslagen ist die zunehmende Digitalisierung eine Möglichkeit, Prozesse und Dienstleistungen zugänglicher zu gestalten. Ist dies auch der Fall bei Sprachtests und in der Testentwicklung?
Es ist kaum möglich, allgemeingültige Aussagen über alle Sprachtests zu machen. Jeder Test verfolgt einen spezifischen Zweck und richtet sich an eine bestimmte Zielgruppe. Sprachtests für akademische Zwecke oder allgemeinsprachliche Tests lassen sich nicht ohne Weiteres mit Tests für Integrationszwecke vergleichen. Obwohl sie möglicherweise dasselbe GeR-Niveau messen, erfassen sie – je nach Zweck und Zielgruppe – teilweise unterschiedliche Kompetenzen, die im jeweiligen Kontext relevant sind.
Auch die digitalen Kompetenzen der potenziellen Testteilnehmenden unterscheiden sich je nach Testpopulation. Für Studierende oder Erwerbstätige im administrativen oder medizinischen Bereich kann die Digitalisierung die Zugänglichkeit eines Tests erhöhen. Für nicht oder gering alphabetisierte Teilnehmende, die ihr Smartphone hauptsächlich für Videotelefonie, das Versenden von Sprachnachrichten oder das Ansehen von Videos nutzen, aber auch für ältere Teilnehmende können digitale Tests eine zusätzliche Herausforderung darstellen.
Was möchtest du unserer Leserschaft zum Thema Zugänglichkeit im Kontext von Sprachtests mitgeben?
Bevor man sich zu einem Sprachtest anmeldet, sollte man sich meines Erachtens folgende zwei Fragen stellen:
- Misst der Test die sprachlich-kommunikativen Kompetenzen, die ich nachweisen muss und kann, oder richtet er sich eher an eine andere Zielgruppe mit einem ganz anderen Profil?
- Habe ich allenfalls eine Behinderung oder Beeinträchtigung, für die der Testanbieter einen Nachteilsausgleich anbieten kann?
Wenn man den geeigneten Test gewählt und gegebenenfalls einen Antrag auf Nachteilsausgleich gestellt hat, hat man bereits einen wichtigen Schritt in Sachen Zugänglichkeit gemacht.
Herzlichen Dank, Hrisztalina Hrisztova-Gotthardt. |